Das Leben unterm digitalen Brennglas

Ich habe soeben die Doku „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ zu Ende geschaut. Wer diese Dokumentation nicht gesehen hat: Es geht darum, dass ehemals einflussreiche Arbeitnehmer*innen großer Tech Firmen aus dem Silicon Valley davor warnen, wieviel Macht diese Firmen über die Daten einzelner Individuen bekommen haben. Das damit bewusst manipuliert wird, um Verhaltensänderungen zu bewirken. Und die langfristige Sorge, dass dies in Teilen dazu beiträgt, unsere Demokratie mehr und mehr zu destabilisieren.

Ich fand die Doku hochspannend. Es wurde angeregt, dass wir uns stark machen müssen für die Änderung von Gesetzen und die Veränderung der Machtverhältnisse sowie die richtige Besteuerung von Konzernen. Ich finde diesen Ansatz richtig und wichtig. ABER wir werden eine Entwicklung der sozialen Medien nicht aufhalten können. Das wäre so, als würde man versuchen die Zeit zurückzudrehen. Ich möchte in diese Thematik noch einen weiteren Aspekt reingeben. Die Frage ist ja nach wie vor, wie kann man Einfluss, den das „Außen“ auf uns und unser Bewusstsein hat, wieder mehr unter eigene Kontrolle bringen.

Ich habe mal gelernt das, in Zeiten, in denen sich das Außen stark verändert, man herausgefordert ist sich selbst mitzuverändern. Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Ich glaube, wir alle sind zunehmend mehr gefordert, unser eigenes Verhalten zu untersuchen, um nicht von der (immer digitaler werdenden) Welt, die von uns Aufmerksamkeit haben will, gefressen zu werden. Ich glaube sogar, dass nicht irgendwelche Algorithmen das „Problem“ unserer Zeit sind. Ich denke, sie sind nur das Brennglas für Bereiche in unserem Leben, wo wir definitiv noch etwas lernen können.

Disziplin der eigenen Aufmerksamkeit, klang für mich immer erstmal nach etwas Ernstem. Dass einem jetzt auch noch der letzte Spaß genommen wird. Ich musste feststellen, dass diese Fähigkeit alles andere als ernst ist. Was uns tatsächlich in unserem Leben den Spaß an den Dingen nimmt, ist, wenn wir keine Aufmerksamkeit mehr „über“ haben. Diese brauchen wir um Dinge zu hinterfragen und richtige Entscheidungen zu treffen.

Ein anderer Aspekt (und absoluter Klassiker) ist die Kontrolle über die eigenen Emotionen zu behalten. Die Dinge, die ich aus Wut und Ärger gestern beim letzten Streit zu meinem Freund gesagt habe, sind nicht die, auf die ich wahnsinnig stolz bin. Es sind Triggerpunkte, über die übrigens total gut zu manipulieren bin. Aber Wut und Ärger scheinen in unserer Gesellschaft eine angemessene Reaktion zu sein, wenn wir mit Dinge und Umständen nicht einverstanden sind oder uns ins Unrecht gesetzt fühlen. Und irgendwann finden wir es „richtig“ zurückzupöbeln. Oder jemandem mal ordentlich die Meinung zu geigen. Noch einfacher ist das Ganze natürlich in einer Kommentarspalte von einem Post über Geflüchtete, oder unter einem Focus-Artikel über Corona. Ist euch schon mal aufgefallen, dass die Wut, die man an anderen ablässt, nichts dazu beiträgt den Zustand, über den man sich ärgert, zu verbessern? Es wird nicht besser für den, der die Wucht abbekommt. Es wird auch nicht besser für den, der sie abfeuert.

In unserer Gesellschaft haben wir Angst davor von Maschinen gesteuert zu werden. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber wenn ich überfordert und müde bin (was sehr oft dann erlebe, wenn die Wut oder der Ärger verflogen ist), dann agiere ich wie eine Maschine. Das Verhalten ist automatisch, und oft eine exakte Wiederholung von etwas, was ich schon immer so gemacht habe, eine Ursache löst eine Wirkung aus.

Lust den Spieß umzudrehen und wieder mehr das Steuer zurückzugewinnen? Es bedeutet ein wenig Arbeit und Training, aber das Ergebnis ist, dass Du entscheidest und nicht irgendein Algorithmus, Konzern oder ein Umstand.

Wenn du das Ziel hast, ein Ereignis zu verändern oder eine Situation zu korrigieren, dann beginne mit dem Anteil, für den Du die Verantwortung trägst.

Harry Palmer, Autor der Avatar Unterlagen
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